Memorial International in Moskau

Memorial International ist eine Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Moskau, ein Netzwerk von gegenwärtig mehr als 60 eigenständigen Organisationen, davon die meisten in Russland, andere in der Ukraine, Kasachstan, Italien, Deutschland, Tschechien und Frankreich. 
Memorial ist eine der ältesten russischen NGOs. Die NGO entstand aus einer breiten Bürgerbewegung am Ende der Sowjetunion in der Zeit der Perestroika. Ziel dieser Bewegung war es, an die Opfer des kommunistischen Regimes zu erinnern. Gegen Ende der Sowjetunion hatten große Teile der Bevölkerung das Bedürfnis, Informationen zu bekommen über die politischen Repressionen und offen darüber reden zu können. Aus diesem Bedürfnis heraus entstand 1987-88 Memorial als breite politische Bewegung. Erster Vorsitzender von Memorial war der Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow. 
In der Zeit der Sowjetunion von 1917 bis 1986 wurden mehr als 1.000.000 Menschen aus politischen Gründen hingerichtet. Mehr als 4.000.000 Menschen wurden aus politischen Gründen in Straflager geschickt. Mehr als 6.000.000 Menschen verloren ihr Hab und Gut und wurden in die Verbannung nach Sibirien und Kasachstan geschickt. Informationen über diese Repressionen zu bekommen und zu verbreiten war in der Sowjetunion verboten. Das galt auch für Informationen über die Hungersnöte 1921-22, 1932-33 und 1946-47, in denen mindestens 9.000.000 Menschen starben. Opfer dieser politischen Verfolgung wurden Menschen ganz unterschiedlicher ethnischer Abstammung und Bürger ganz unterschiedlicher Länder (obwohl die meisten Sowjetbürger/innen waren). Die Verfolgung erfolgte vor allem in  der UdSSR, aber auch in jenen Ländern, in denen Regime nach sowjetischem Vorbild installiert worden waren.
Die meisten Memorial-Mitgliedsorganisationen sind territorial organisiert – z. B. als Memorial St. Petersburg oder Memorial Perm. Einige Mitgliedsorganisationen beschäftigen sich mit bestimmten Themen. Dazu gehören z.B. das Menschenrechtszentrum Memorial in Moskau, die beiden historisch-wissenschaftlichen Informationszentren in Moskau und St. Petersburg und das Netzwerk „Migration und Recht“ – ebenfalls in Moskau. 
 
Zur Arbeit von Memorial in den vergangenen 25 Jahren
Auf Initiative von Memorial wurden in vielen hundert Städten und Siedlungen in Russland und in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken Denkmäler und Gedenktafeln für die Opfer politischer Repression aufgestellt oder aufgehängt.
Mehrere hundert sogenannte „Erschießungsbücher“ mit den Namen und
Kurzbiographien von Opfern staatlicher Repressionen wurden herausgegeben.
Memorial unterstützende und nahestehende Historiker/innen haben mehrere Dutzend
Bücher über die Struktur des Gulag und des sowjetischen Geheimdienstes geschrieben. Hinzu kommen wissenschaftliche Sammelbände über die sowjetische Repression, darunter gegen Polen und Deutsche, sowie zahlreiche Biographien und Autobiografien sowohl von Opfern als auch von Tätern. 
Seit 1990 gibt es ein spezielles, von der Heinrich Böll Stiftung gefördertes Programm zu
Leben und Schicksal der sogenannten „Ostarbeiter“, also der im Zweiten Weltkrieg nach
Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppten Menschen aus der Sowjetunion.
Seit 1999 führt Memorial alljährlich unter dem Titel „Der Mensch in der Geschichte. Russland im XX. Jahrhundert“ einen Schülergeschichtswettbewerb durch, an dem über die Jahre mehr als 40.000 Schülerinnen und Schüler aus ganz Russland teilgenommen haben.
Memorial hat in seinen Räumen in Moskau ein weltweit einmaliges Archiv zur politischen Repression in der Sowjetunion und ein ebenso einmaliges Museum zum Alltagsleben im Gulag aufgebaut. Exponate aus Archiv und Museum waren bereits in mehreren Hundert Ausstellungen auf der ganzen Welt zu sehen.  
Angehörige von politisch Verfolgten bekommen bei vielen Memorial-Organisationen juristische Hilfe, sie werden dabei unterstützt, Informationen über ihre Verwandten zu finden und bekommen mitunter materielle Hilfe.
 
Memorial International in der Gegenwart
Die Arbeit von Memorial beschränkt sich nicht auf Menschenrechtsverletzungen in der
Vergangenheit. Diese Arbeit wird heute vor allem auch als die Grundlage für eine
Demokratisierung Russlands und damit als eine wichtige Voraussetzung für den Kampf gegen
Menschenrechtsverletzungen angesehen. 
Das bereits erwähnte Netzwerk „Migration und Recht“, vor 20 Jahren von Memorial gegründet, unterhält heute in mehr als 50 russischen Regionen Rechtsberatungszentren für Flüchtlinge und Umsiedler/innen. Die Gründerin und Leiterin des Netzwerks Swetlana Gannuschkina wird in diesem Jahr (2016) mit dem Right Livelihood Award („Alternativer Nobelpreis“) ausgezeichnet– zusammen mit den „Syrischen Weißhelmen“,  der türkischen Zeitung "Cumhuriyet" und der ägyptischen Feministin Mozn Hassan.
 
Arbeitsgebiete
Expert/innen von Memorial waren und sind an der Ausarbeitung von Gesetzesprojekten beteiligt, um das russische und das ukrainische Gefängnissystem zu humanisieren. 
Das Menschenrechtszentrum Memorial führt ein Monitoring von
Menschenrechtsverletzungen in Konfliktzonen durch. Den Anfang machte 1989 der Konflikt zwischen Armeniern und Aserbeidschanern in Berg-Karabach und kurze Zeit später zwischen Russen und Moldauern in Transnistrien. An 1994 (und bis heute) kam Tschetschenien hinzu, noch später die anderen ethnischen Republiken im
Nordkaukasus. Seit 2014 beteiligt sich Memorial am Monitoring der Situation auf der
Krim (insbesondere in Bezug auf die Krimtataren) und im Kriegsgebiet in der Ostukraine.  
Juristen von Memorial unterstützen russische Bürger/innen (darunter viele
Tschetschenen und Tschetscheninnen) seit Jahren erfolgreich bei Beschwerden vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Memorial organisiert in Moskau und anderen russischen Städten seit einigen Jahren öffentliche Diskussionen zu aktuellen politischen Themen. Die Räume von Memorial in Moskau sind neben dem Sacharow-Zentrum einer der wenigen Orte in Moskau, in denen solche öffentlichen Veranstaltungen noch durchgeführt werden können.
 
Mitarbeiter und Arbeitsstruktur
In den Moskauer Räumen von Memorial (bei  Memorial International, dem
Menschenrechtszentrum und dem Moskauer Wissenschaftlich-Historischen
Aufklärungszentrum) arbeiten in unterschiedlichen Projekten und je nach
Finanzierungsmöglichkeiten zwischen 120 und 200 Menschen, viele von ihnen ehrenamtlich, darunter auch Freiwillige aus Deutschland von Aktien Sühnezeichen. 
Das Netzwerk „Migration und Recht“ hat mehr als 70 Mitarbeiter/innen, vor allem Jurist/innen in den mehr als 50 Beratungszentren im Land. Größere Memorialgruppen mit mehr als zehn
Mitarbeiter/innen gibt noch in St. Petersburg, Perm, Rjasan, Charkow, Yekaterinburg und Syktywkars. Viele der anderen Memorial-Organisationen haben nur einige wenige hauptamtliche Mitarbeiter/Innen, manche arbeiten vollständig ehrenamtlich.  
Jede Memorial-Gruppe ist für ihre Finanzierung und Mittelakquise selbst verantwortlich.
Memorial International stellt aber Serviceleistungen und Ressourcen wie Museum, Archiv und
Bibliothek  zur Verfügung und organisiert das Funktionieren des Netzwerks insgesamt.
Außerdem betreibt das Moskauer Zentrum die Website www.memo.ru. Eine Reihe von Memorialorganisationen haben zudem eigene Internetauftritts. 
 
Internationale Anerkennung und Auszeichnungen
Die Arbeit von Memorial International ist in den vergangenen Jahren mehrfach durch Auszeichnungen gewürdigt worden. Die Organisation hat 2004 den Right Livelihood Award erhalten, ebenfalls 2004 den Nansen-Preis des UN-Flüchtlingshilfswerks, 2009 den SacharowPreis des Europäischen Parlaments und 2016 erhält Swetlana Gannuschkina, Leiterin des Netzwerks „Migration und Recht“ den Right Livelihood Award.