Vielfältiges Wirtschaften für das Leben

von Silke Helfrich

Von der Wiederentdeckung der Gemeinheit

Sinn für Zeitgeist ist dem Nobelpreiskomitee nicht abzusprechen. Spätestens mit der Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises 2009 an Elinor Ostrom wurde ein längst überfälliger Perspektivenwechsel offenbar. Das Denken über unser Wirtschaften öffnet sich; „Jenseits der Engstirnigkeit“ – so ein treffender FAZ Kommentar zum Preis. Ostrom hat ihr Leben als Wissenschaftlerin der Frage gewidmet, wie Menschen so zusammenarbeiten, dass erhalten bleibt, was sie trägt – wovon sie sich kleiden und nähren, womit sie kommunizieren und Neues erschaffen. Diese Prozesse bündeln sich in einem Begriff, der auch der Nobelpreisträgerin erst allmählich in den Blick rückte. Die Rede ist von den commons (den Gemeingütern) und davon, wie sie zu behandeln sind.

Gemeingüter sind jene Dinge, die einer bestimmten Gruppe von Menschen „gemein“ sind. Gemein bedeutete ursprünglich ‚mehreren abwechselnd zukommend‘. Später dann ‚mehreren in gleicher Art gehörig‘, woraus sich ‚gemeinsam‘, ‚gemeinschaftlich‘ und ‚allgemein‘ abgeleitet hat. Diese ursprüngliche Bedeutung des „uns gemeinen“ erlebt zurzeit in Wissenschaft und Öffentlichkeit eine Renaissance. Dabei führt der Begriff der Gemeingüter ganz unterschiedliche soziale Auseinandersetzungen zusammen.

Von Kartoffeln und Computern

So haben Kartoffeln und Computer mehr miteinander gemein, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Kartoffeln brauchen Boden, Nährstoffe, Wasser und Pflege, um zu gedeihen. Als Produkt sind sie anfassbar, etwas Materielles. Wenn wir sie aufessen, können andere mit denselben Kartoffeln nicht mehr dasselbe tun.

Doch Kartoffeln sind Produkt und Saatgut zugleich. In ihnen steckt ein Code, der immer wieder vermehrt werden kann. Ähnlich dem Softwarecode braucht dieser genetische Code – gleich der gesamten Biodiversität – Umsicht, Wissen und Pflege.

Softwarecode wiederum ist das Saatgut zur Produktion neuen Wissens. So ergeben sich ähnliche Fragen zur Nutzung von Kartoffeln und Computern. Wer darf den jeweiligen Code zu welchen Bedingungen fortschreiben oder weiterentwickeln, wer nicht? Wer darf ihn zu welchen Bedingungen anwenden oder nutzen? Wer darf die daraus entstehenden Produkte zu welchen Bedingungen gebrauchen? Wer entscheidet über all diese Fragen? Wie Zugangs-, Nutzungs- und Entnahmerechte gemeinschaftlich genutzter Ressourcen definiert werden und wer sie kontrolliert gehört zu den zentralen Fragestellungen der Debatten um die commons; im Norden wie im Süden, lokal wie global. Dabei vermag es das Konzept der Gemeingüter die ökologische, soziale und kulturelle Dimension zusammen zu bringen.

Der US-Autor Peter Barnes nennt Gemeingüter „die schwarze Materie unseres Wirtschaftssystems“, überall vorhanden, doch häufig unsichtbar. Tatsächlich sind ihre Leistungen weder Bestandteil des Bruttoinlandsprodukts, noch stehen sie auf der politischen Tagesordnung. Sie werden meist erst dann wahrgenommen, wenn sie verschwinden. Wenn Saatgut nicht mehr von der Ernte einbehalten und im Folgezyklus ausgesät werden darf. Wenn mit Bildung und Kultur „abgerechnet“ wird. Wenn Orte des Verweilens in den Städten zu Orten des Konsumzwangs werden. Wenn – wie für 2048 vorausgesagt – alle kommerziell nutzbaren Fischbestände kollabiert sind. Wenn die Luft zum Atmen knapp wird und der Zugang zu Wissen unter Verschluss gerät, was zu überhöhten Preisen für lebenswichtige Medikamente oder wissenschaftliche Forschungsergebnisse führt.

Gemeingüter sind Lebensspender

Dabei sind Gemeingüter Voraussetzung für unsere Grundversorgung mit Nahrung, Energie und Medizin. Sie sind Essenz der Umweltleistungen, die wir zur Wasseraufbereitung, Sauerstoffreproduktion und CO- Absorption nutzen. Sie dienen als Datenbank für Wissen, Code und Informationen. Sie sind Quelle der Innovation und Kreativität: Kunst, Kultur, das Internet, die Wikipedia oder freie Software basieren darauf, dass Menschen miteinander teilen, was sie vorfinden oder von vorangegangenen Generationen übernehmen. Wir brauchen Gemeingüter wie die Sprache oder das elektromagnetische Spektrum zur Kommunikation.

Wir nutzen Gemeingüter wie Land, Wasser und den Luftraum um uns fortzubewegen. Im Kern des Begriffs aber steht, dass Gemeingüter die Qualität unserer Sozialbeziehungen abbilden und damit elementar für den sozialen Zusammenhalt in einer Gesellschaft sind. Aus der Bezugnahme auf kollektive Ressourcen, aus der Notwendigkeit, sich über Zugang, Nutzung und Kontrolle derselben zu verständigen, entsteht bestenfalls das, was der Historiker Peter Linebaugh commoning“ nennt: Gemeinsames Tun.

Gemeingüter sind nicht statisch. Es sind lebensspendende Systeme, die sich aus folgenden Grundelementen zusammen fügen:

1. Die Ressourcen selbst
Wasser und Boden, Code und Wissen, Algorithmen und Kulturtechniken, die Zeit, die Stille und die Atmosphäre. Das sind die „Gemein-“ oder „Allmendressourcen“. Jeder Mensch hat grundsätzlich die gleiche Berechtigung, diese Ressourcen zu nutzen, so eine der Grundüberzeugungen der Gemeingüterdebatte, die dem Prinzip der Kapitalwirtschaft (Ein Dollar – ein Anteil) gegenübersteht.

2. Die Menschen, die diese Ressourcen für ihr Leben in Anspruch nehmen
Gemeingüter sind ohne den Bezug zu konkret handelnden Menschen in ihren unterschiedlichen sozialen Umgebungen nicht denkbar. Daher sind sie so vielfältig wie die Gemeinschaften selbst; von der Indigenagemeinde im bolivianischen Hochland bis zur weltumspannenden Bewegung für Freie Software. Von der Wohngemeinschaft in einer deutschen Stadt bis zur Weltgemeinschaft. Es gibt keine Gemeingüter ohne „commoning“. Das wird dann offensichtlich, wenn gemeinsames Handeln – etwa zum Schutz der Atmosphäre – nicht gelingt. Die Theorie der Gemeingüter ist im Kern eine Theorie des Kollektiven Handelns.

3. Die Regeln, nach denen die Ressourcen verwaltet oder bewirtschaftet werden
Auch sie sind sehr vielfältig. Wenn ich Wasser oder Boden nutze, mindert dies die Möglichkeiten des Gebrauchs durch Andere. Teile ich hingegen Wissen oder Informationen, mehre ich die Nutzungsmöglichkeiten dieses Wissens für alle und auch für mich. Die Regeln sind entsprechend zu gestalten. Wasser und Boden brauchen Zugangsbeschränkungen. Wissen und Code mehren sich am besten bei offenem Zugang (open access). Gemeinsam ist all diesen Regeln, dass sie von den jeweiligen Nutzern selbst bestimmt werden sollten oder zumindest die Akzeptanz der gesetzten Regeln bei den Nutzerinnen und Nutzern sehr hoch ist.

Gemeingüter brauchen Gemeinsinn und clevere Entscheidungen

Wären Internet und Wikipedia den Regeln der Marktwirtschaft und nicht jenen der Gemeingüter unterworfen, würden sie heute kaum die Fülle an Innovationen und Informationen bieten, die jedem Menschen offen stehen. Doch das Internet ist als Gemeingut entstanden. Das ist faszinierend, weil es zeigt, dass Gemeingüter nicht nur das Ererbte oder kollektiv Geschaffene sind – die ‚'Gemeingüter der Natur‘ und die ‚Gemeingüter des Geistes‘ – sie können auch von Einzelnen zu solchen bestimmt werden. Auf uns und unsere Entscheidungen kommt es an!

1989 schrieb Tim Berners-Lee die elektronische Sprache HTML und das entsprechende Internetprotokoll http. Berners-Lee wollte, dass die Ergebnisse seiner Arbeit von allen frei weiterentwickelt und genutzt werden und dass das World Wide Web Consortium nur patentfreie Standards zulässt. Kein Markt, kein Staat hat dies verfügt. Vielmehr ist das Netz durch den Kontrollverzicht eines Einzelnen ermöglicht und durch die Kreativität aller zu dem geworden, was es heute ist: unverzichtbar.

Auch Elinor Ostrom erhielt den Nobelpreis für den Nachweis, dass weder Markt noch Staat allein Garant für die nachhaltige und faire Bewirtschaftung begrenzter Ressourcen sind. Sie zeigt, dass die jeweiligen Nutzer in der Regel selbst am besten wissen, was zu tun ist und plädiert deshalb für einen hohen Autonomie- und Selbstorganisationsgrad. Beides ist voraussetzungsvoll. Vertrauensbeziehungen und direkte Kommunikation sind hier ebenso wichtig wie klare und von allen Beteiligten akzeptierte Strukturen. Auch der Respekt externer – etwa staatlicher – Autoritäten für funktionierende Regeln, die keinem Dritten schaden, gilt Ostrom als Voraussetzung für erfolgreiche commons.

Wem welches Gewicht und welche Entscheidungsbefugnis zukommt, basiert häufig auf eingebrachten Leistungen und auf Reputation. Reputation ist eine wichtige Währung des Gemeingutsektors. Zum Gelingen gehören zudem stabiles Wissen um die langfristige Entwicklung der jeweiligen Ressourcen sowie Monitoringverfahren und gemeinsam vereinbarte abgestufte Sanktionsmechanismen sowie niederschwellige Konfliktlösungsverfahren.

Das Beispiel Grindelwald

Im November 2009 schreibt die Berner Zeitung: „Grindelwald ist nobelpreisverdächtig“. Es ist ein großer Auftritt für die kleine Schweizer Gemeinde. Der Ort erhielt seinen Namen zu Recht, denn ‚Grindelwald‘ geht zurück auf grintil (Riegel) und walt (Wald). Tatsächlich wird der Ausbeutung der Grindelwalder Flur ein Riegel vorgeschoben, denn die von der überwältigenden Kulisse der Eiger Nordwand geprägte Kulturlandschaft erhielt ihr Gesicht nach Regeln, die 1404 im Taleinungsbrief festgeschrieben sind, der ersten schriftlichen Alpverfassung überhaupt. Er legt fest, wie die privatrechtlich organisierten Alpkorporationen die Alp bewirtschaften. Drei Bestimmungen belegen, wie ökologisch die Grindelwalder Bauern schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts dachten:

  1. Nur Tiere, die winters in den Höfen gefüttert werden konnten, durften auf die Alp. Das Futterangebot im Winter bestimmt somit die Anzahl der Tiere, die im Sommer auf dem Gemeingut Weiderecht hatten.
  2. Den Landbesitzern im Tal wurden die „Kuhrechte“ nach Besitzgröße zugeteilt. Diese Kuhrechte sind demnach nicht an die Person, sondern an den Bodenbesitz gebunden und nach außen unverkäuflich.
  3. Jedes Jahr sind die Bergler zum „Tagwannen“ verpflichtet, zur Pflege der Alp. Je mehr Kuhrechte, desto mehr Leistungen sind für die Gemeinschaft zu erbringen.

Rechte an Gemeingütern sind keine Handelsware

Diese Regeln verweisen auf grundlegendes Wissen zu Gemeingütern und übertragen es in die Praxis der Schweizer Bauern. So sind etwa Rechte an Gemeingütern keine Handelsware. Daher ist auch Besitz statt Eigentum der zentrale Begriff in dieser Debatte. Was man besitzt wie eine Mietwohnung, kann man nicht veräußern. Besitz meint das Innehaben einer Sache, statt uneingeschränkter Verfügungsgewalt über sie. Die Kategorie des Besitzes erinnert daran, dass uns Dinge nur zur vorübergehenden Nutzung zur Verfügung stehen. „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt“, so ein den Weisheiten indigener Völker entliehener Slogan der Umweltbewegung aus den 1980er Jahren.

Die nobelpreisverdächtigen Grindelwalder haben es mit ihren Regeln offenbar vermocht, jahrhundertelang die Übernutzung der Weiden zu verhindern, den Ausverkauf des Landes zu erschweren sowie lokales Wissen um die Kultur der Alpwirtschaft zu pflegen. Dennoch sind die Bergschaften mit ständig neuen Problemen konfrontiert. So verbringen heute immer weniger Kühe den Sommer auf den Bergweiden. Unternutzung der Kulturlandschaft ist hier offensichtlicher als Übernutzung. Dabei ist es ökologisch, sozial und ökonomisch sinnvoller denn je, Milch und Käse, die in der Schweiz hergestellt werden können, auch künftig dort zu produzieren. 

Es gibt kein Patentrezept

Dafür sind „gemeine“ Ressourcensysteme zu vielfältig und zu komplex. Vielfach überschneiden sie sich. Nutzungsinteressen einer Gemeinschaft können mit jenen einer anderen in Konflikt geraten. So hat der Umgang mit einem begrenzten Stück Land Konsequenzen für den regionalen Wasserkreislauf oder die Biodiversität. Augenfällig wird dieser Konflikt auch im Boom der digitalen Gemeingüter. Die explosionsartige Entwicklung freier Soft- und Hardware, freier Medien und freier Kultur hat sich von ihrer fossilen Ressourcenbasis noch nicht gelöst. Auch freie digitale Kultur verbraucht zu viel (fossilen) Strom. Hier liegen Herausforderungen für die Zukunft, die einen Brückenschlag zwischen den „Ökos“ und den „Technos“ erfordern. Dieser Brückenschlag gelingt über die Idee der Gemeingüter.

Es bedarf der ganzen Kreativität der jeweiligen Nutzerinnen und Nutzer, um Regeln so auf die Bedürfnisse dieser und künftiger Generationen abzustimmen, dass eine Kultur der Gemeingüter entsteht. In einer Kultur der Gemeingüter ist die Entfaltung aller Bedingung der Entfaltung des Einzelnen ist. Unterstützende Institutionen wie die GLS Treuhand, sind auf der Suche nach neuen Organisationsformen und Strukturen unabdingbar.

Vitale Gemeingüter sind die beste Versicherung

Dass das Schwinden der Gemeingüter zu existenziellen Krisen führt, offenbart der Klimawandel. Die Atmosphäre gehört zu den globalen Gemeingütern. Davon gibt es wenige, aber sie konfrontieren uns mit besonderen Herausforderungen, denn globale Gemeingüter stehen tatsächlich „allen“ zu. Sie sind an das kollektive Handeln der Weltgemeinschaft gebunden.

Die Atmosphäre wurde Jahrzehnte wie Niemandsland behandelt und sanktionslos überstrapaziert. Gemeingüter sind aber kein Niemandsland. Deshalb kommen Maßnahmen, die Emissionen drosseln und regeln wollen, dem Versuch gleich, aus dem Niemandsland Atmosphäre ein tatsächliches Gemeingut zu machen. Nur so können auch in Zukunft die gleichen Nutzungsrechte jedes Menschen an der Atmosphäre gesichert werden. Zwei Grundbedingungen müssen hier wie für alle commons erfüllt sein:

  • Gemeingüter dürfen nicht in ihrem Bestand zerstört oder verbraucht werden.
  • Kein Anspruchsberechtigter darf von Zugang und Nutzung ausgeschlossen sein.

(Siehe auch: Gemeingüter stärken. Jetzt!)

Wer Gemeingüter fördert, mindert den Wachstumszwang

Die multiplen Krisen der Gegenwart schärfen das Bewusstsein dafür, dass ohne vitale Gemeingüter kein Ausweg denkbar ist. Dabei ist klar – wir brauchen Investitionen in den Gemeingutsektor, doch die Verfügbarkeit an Gemeingütern ist nicht durch die Verfügbarkeit an Geld zu ersetzen. Klassische Indikatoren wie Wachstum und das Bruttoinlandsprodukt sagen nichts darüber aus, ob sie der produktiven Nutzung oder der Zerstörung der Gemeingüter zuzuschreiben sind. Sie sind selbst dann guter Laune, wenn lebenswichtige Dinge vernichtet werden. Deshalb greift ein „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ zu kurz. Wir brauchen ein Potpourri von Ideen, wie gesellschaftlicher Wohlstand auch dann erreichbar ist, wenn der Kuchen nicht mehr wächst.

In einer Situation, in der sowohl die Planwirtschaft als auch das Vertrauen auf die „unsichtbare Hand“ des Marktes ihre Unzulänglichkeit erwiesen haben, zeigt die Dynamik der Gemeingüter Wege aus der Krise. Eine Vielfalt an Institutionen und fördernde rechtliche Rahmenbedingungen sind nötig, um Menschen dort zu unterstützen, wo sie ein gemeinsames Ziel verfolgen und Neues auf den Weg bringen – sei es eine Schule in Freier Trägerschaft, die Entwicklung freier Software, die Rückeroberung öffentlicher Räume, die radikal dezentrale Produktion und Verteilung von Wärme und Energie oder die Bewahrung der Saatgutvielfalt. Im Zentrum all dieser Initiativen steht der gemeinsame Nutzen, der auch für den Einzelnen als gewinnbringend erfahren wird.

Gemeingüter sind Kernbegriff einer künftigen Ökonomie des Teilens und der Beteiligung: faire Nutzung von Ressourcen für die Reproduktion des Lebens statt für Akkumulation. Das ist die Zukunft.

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