Die GLS Treuhand trauert um Ingeborg Diederich

Am 19. Dezember 2017 erreichte uns die traurige Nachricht vom Tod von Ingeborg Diederich. Sie gehörte zu den Persönlichkeiten um Wilhelm-Ernst Barkhoff, die in Bochum eng mit dem Gründerkreis der GLS Treuhand und der GLS Bank verbunden waren. Auf vielfältige Weise hat sie seit Ende der 60er Jahre in Bochum dazu beigetragen, Barkhoffs soziale Impulse lebendig werden zu lassen.

In diesem Nachruf möchten wir ihrer gedenken, indem wir etwas ausführlicher aus Ihrem Lebens- und Wirkungskreis erzählen (basierend auf der biografischen Skizze „Zukunftskeime“ von Michael Kurtz, verfasst im Mai 2004):

Inge Diederich kam am 22. Juli 1925 in Bad Salzuflen in einer wohlhabenden bürgerlichen Familie zur Welt. Durch das vorhandene Vermögen musste sie nie für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Sie wuchs behütet zusammen mit ihrer älteren Schwester Gerda auf. Sie legte das Abitur ab und war in den letzten Kriegsjahren im Arbeitsdienst und als Flakhelferin tätig. Nach Kriegsende versuchte sie sich im Jura-Studium. Im Jahr 1951 heiratete sie den Oberstadtdirektor von Bad Salzuflen Otto Diederich. Nach der Geburt ihres einzigen Kindes Jürgen im Jahr 1954 dauerte es nicht mehr lange und die Ehe war beendet, ohne dass irgend etwas Besonderes geschehen war. 

Erste Kontakte mit der Anthroposophie machte sie in den frühen 60er Jahren; 1966 trat sie in die Anthroposophie Gesellschaft ein. Schnell entwickelte Inge Diederich den Wunsch, etwas Lebenspraktisches mit der Anthroposophie zu bewirken und nicht nur theoretisch mit dieser Ideenwelt umzugehen. Über die jährlichen Mitgliederversammlungen der Anthroposophischen Gesellschaft kam sie in Kontakt mit Wilhelm-Ernst Barkhoff. Sein Angebot, als Hilfskraft im Büro der Treuhand mitzuarbeiten, nahm sie an und verließ mit 46 Jahren ihre Heimatstadt, um nach Bochum zu ziehen. So kam Ingeborg Diederich in den Kreis der Menschen in Bochum, die nach dem Aufbau der Gemeinnützigen Treuhandstelle (GTS) 1961 und der Gemeinnützigen Kreditgarantie Genossenschaft (GKG) 1967 auf eine Bankgründung hinarbeiteten. Sie nahm an der Gründung der Bank im Jahr 1974 teil und wurde als Mitglied Nummer 1 registriert. In den folgenden Jahren begleitete sie die Entwicklung der Bank engagiert und brachte auch ihr Vermögen vielfältig ein.

1976 wurde im engeren Umkreis der Bank die Wirtschaftsgemeinschaft mit geteiltem Einkommen als eine Art Selbstversuch gegründet. Sie bestand bis 1994. Ingeborg Diederich verwaltete das Konto, auf das die Einkünfte aller Mitglieder der Wirtschaftsgemeinschaft eingingen. Aus diesem Topf konnte sich jede/r nach Bedarf oder Notwendigkeit Geld nehmen. Man lieh sich das Geld quasi gegenseitig oder schenkte es sich bewusst. Alles wurde miteinander besprochen, einen Vertrag gab es nicht. Rückblickend auf das gemeinsame Wirtschaften und auf ihre Tätigkeit als Kontoführerin sagte sie später: „… Obwohl wir nur miteinander wirtschafteten, d.h. nicht alle miteinander wohnten, hat die Wirtschaftsgemeinschaft uns einander doch sehr nahe gebracht. (…)“ Dabei gab es auch schwierige Situationen. „Aber es gab nie einen wirklichen Bruch. Und das zeigte mir, dass diese Idee doch etwas Zeitgemäßes und Vernünftiges hatte. Man musste eben Wege finden, mit den Besonderheiten und den unterschiedlichen Handhabungen der Einzelnen zurecht zu kommen, weil es ja mit Absicht kaum Regeln gab. (…) Diese Wirtschaftsgemeinschaft ist für mich ein wesentlicher Erfahrungsbereich im Umgang mit Geld und im sozialen Miteinander geworden; ein wesentlicher Grunderfahrungswert dieser Inkarnation, den ich über den Tod mit hinausnehmen werde.“

In den 1980er Jahren war Inge Diederich nicht nur Mitglied im Aufsichtsrat der Treuhand, sondern sie engagierte sich ebenfalls für die Landwirtschaft und dort vor allem für das Projekt „Schepershof“, das für Bochum in greifbarer Nähe lag. Sie half engagiert und auch finanziell mit, Barkhoffs Ideen bezüglich einer anderen Landwirtschaft zu verwirklichen.

Ein erstes eigenes Tätigkeitsfeld von Inge Diederich, die keine abgeschlossene Ausbildung hatte, war die sogenannte „Agentur für geisteswissenschaftliches Arbeiten“. Ingeborg Diederich gründete sie zur Beratung und Vermittlung von Einzelpersonen mit Fragen zur Anthroposophie und betrieb sie in Eigenregie. 

Inspiriert durch einen Kontakt über die Agentur, begann auch Inge Diederichs Arbeit mit Strafgefangenen. Von Mitte der achtziger Jahre bis 1992 setzte sie sich für eine Entschuldung von Strafgefangenen ein, um ihnen nach Entlassung aus der Haft eine bessere Lebensperspektive zu ermöglichen. Der dazugehörige Entschuldungsfonds für Strafgefangene liegt bis heute bei der GLS Treuhand heute in verwandelter Form für „Menschen in Not“. Gegenüber einem Bankmitarbeiter sagte sie einmal spontan: „Der Entschuldungsfonds für Strafgefangene ist wohl das Beste, was mir im Leben eingefallen ist.“

Mit 75 Jahren entschloss sich Inge Diederich, ihr Vermögen noch einmal neu sozial wirksam werden zu lassen und gründete 2001 die Zukunftsstiftung „Soziales Leben“ (heute neu konstituiert als „Zukunftsstiftung Mensch und Gesellschaft“) als eine weitere Zukunftsstiftung in der Treuhand. Das war das Ergebnis ihrer Suche nach einer modernen und zeitgemäßen Form von Stiftung, die nicht mehr nur Ideen oder Ziele fördert, sondern konkret einzelne Menschen. Getreu der Leitidee Rudolf Steiners, dass es auf den Einzelnen ankommt.

Nun ist Ingeborg Diederich im Alter von 92 Jahren im Altenwohnheim Hermann-Keiner-Haus in Dortmund verstorben. Ihre Freunde und Weggefährten schrieben: "Wir gedenken ihrer vielen selbstlosen Taten für das Gemeinwohl, ihres großen, weiten Herzens und ihres Interesses an Menschen, deren Impulsen und Taten. Wir bewundern ihre Unbedingtheit, mit der sie sich ihren selbstgewählten Aufgaben widmete."

Diesem Andenken schließen wir uns an.

Die GLS Treuhand