Veranstaltungsrückblick

Die Gedanken waren frei - Wie IT-Konzerne mit Daten unser Denken manipulieren und Demokratien gefährden

Rund 100 Menschen wollten am 28. November in Bochum mehr darüber wissen, was mit persönlichen Daten passiert, die fast jeder tagtäglich im Netz hinterlässt. Dabei ging es auch darum, wo diese Daten teils unbemerkt entstehen, wofür sie genutzt werden und wie Daten Menschen beeinflussen können. Die Ergebnisse, soviel kann schon vorab verraten werden, haben viele überrascht und am Ende nicht nur zu regen Diskussionen geführt. Einige kündigten auch an, ihr Nutzerverhalten ändern zu wollen – etwa mit den ausgelegten Tipps zum alternativen Umgang mit Daten.

Denn der Abend, zu dem die GLS Treuhand gemeinsam mit der C&U Baumeister Stiftung für nachhaltige Technologie geladen haben, machte die Dimensionen der Datensammler deutlich. Fünf IT-Konzerne aus den USA gehören zu den größten Datensammlern der Welt, darunter Google, Facebook und Apple. Drei weitere globale Player sitzen mit Baidu, Alibaba und Tencent (WeChat) in China. Diese Konzerne herrschen über eine gigantische Masse an Daten – und deren Auswertung. Das kann zu Problemen auf den Ebenen der Wirtschaft, der Demokratie und der Gesellschaft führen, die auf dem Podium und auch im Publikum rege diskutiert wurden.

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Rückblick

Selber denken ist angesagt!

"Systeme müssen für Veränderungen ständig irritiert werden", stellte Sven Focken-Kremer, Leiter Kommunikation der GLS Treuhand, in seiner Begrüßung fest und dankte damit nicht nur den zahlreichen Initiativen, Projekten und Stiftungen aus dem Umfeld der GLS Treuhand für eben solche wichtigen Impulse. Der Dank richtete sich auch an den Mitorganisator und Stifter Claus P. Baumeister, der mit seinem Blick auf "Daten" eine weitere Sichtweise in die Bemühungen der GLS Treuhand für eine aktive, demokratische und offene Bürgergesellschaft eingebracht hat. Das von Focken-Kremer ausgerufene Ziel, in Zukunft auch die "Big Five" der Datensammler zu irritieren, war ambitioniert, doch Claus P. Baumeister, konnte mit einem Augenzwinkern in seiner Eröffnungsrede schon den ersten Erfolg des Abends verkünden: „Wir haben mit rund 100 Gästen heute etwa 1 ppm erreicht, also jeden Millionsten Facebook-Nutzer in Deutschland. Das ist schon einmal ein Anfang!“

Der Widerspruch, dass sich mit ihm ausgerechnet ein IT-Unternehmer gegen das Datensammeln ausspricht, sei nur ein scheinbarer: „Meine von mir genutzten Systeme richten sich nach physikalischen Ereignissen und Zuständen. Andere, personengebundene Daten, die etwa durch Social Media entstehen, manipulieren Menschen entweder im ökonomischen oder im politischen Sinne. Diese Manipulation ist menschenunwürdig.“ Daraus resultiere bei ihm auch oder besser gerade als IT-affiner Mensch die Abneigung gegen diese Fremdbestimmung: „Ich möchte nicht von einer KI analysiert und gesteuert werden. Selber denken ist stattdessen wieder angesagt!“

 

Europäische Plattformen für mehr Datenhoheit

Dass es sich hier nicht um ein mögliches Zukunftsszenario handelt, sondern längst angewandte Praxis ist, zeigte der folgende Impulsvortrag von Prof. Dr. Christian Montag von der Universität Ulm.
Darin wurde deutlich, wie und wo die Daten der globalen Nutzer gespeichert und verwendet werden. Anschaulich zeigte Montag, wie Daten Menschen gezielt und erfolgreich beeinflussen können und diese Techniken bereits sehr aktiv genutzt werden. Mit Algorithmen werden Nutzer analysiert und gezielt individuell angesprochen. „Es braucht etwa 300 likes, bis der Computer-Algorithmus bessere Aussagen über Ihre Persönlichkeit treffen kann als Freunde und Bekannte“, berichtet Prof. Montag aus einer Studie.

Die Gefahr sieht er hierbei besonders bei der Datenhoheit. Momentan liegen diese bei wenigen Giganten in den USA oder China. Bestimmen wir noch selbst über unsere Daten? „Ich bin da pessimistischer geworden. Es wird immer schwieriger die großen Tech-Unternehmen zu meiden. Ich bin überzeugt, dass wir mehr Regulierung brauchen und über europäische Plattformen für mehr Datenschutz nachdenken sollten.“

Wer bestimmt über unser Handeln?

Auf den Vortrag eingehend kritisierte in der anschließenden Podiumsdiskussion Claudine Nierth, Bundesvorstandssprecherin Mehr Demokratie e.V., dass „mittlerweile Menschen aufgrund des jeweiligen Status, unterschiedlichen Zugang zu Angeboten und Services erhalten. In wie weit bestimmen die Informationen mittlerweile die Menschen und nicht umgekehrt?“.

Anders möchte es der Projektleiter der GLS Community der GLS Bank Patrick Held machen. Die eigene Plattform „Futopolis“ brauche zwar auch Daten, jedoch sollen dort die digitalen Strukturen transparent genutzt werden, um den Menschen zu dienen. Doch wie kann eine solche lokale Plattform wirklich wirken? Der Ulmer Professor Montag sah es noch kritisch: Der Ansatz sei genau richtig, doch müsse es erheblich größer angegangen werden. Vielmehr brauche es daher eine europäische Lösung, die nach europäischen Datenschutzkriterien und Werten funktioniere.

Auf die Frage des Moderators Stefan Vogt, wie denn nun eine konkrete Umsetzung der Ideen aussehen müsse, herrschte Uneinigkeit. Während Patrick Held eine temporäre Koexistenz der Systeme bevorzugt, funktioniere eine Umstellung nach Claus P. Baumeister nur, wenn andere Plattformen wie Facebook konsequent von Nutzern und Unternehmen abgeschaltet und nicht weitere genutzt werden würden.

 

Wir stehen an einem Scheideweg

Claudine Nierth sieht die Gesellschaft am Scheideweg. Diese sei bereits Teil einer digitalisierten Welt, aber sie müsse sich entscheiden, ob sie nur passiv sein oder in eigener Selbstbestimmung verantwortungsvoll handeln möchte. Nötig sei hierfür eine digitale Agenda oder eine Vereinbarung von Rahmenregulierung, die im Konsens mit den Bürgern gemeinsam erarbeitet werden müsse: „Der Egoismus der Parteien legt die Demokratie lahm. Wir müssen Bürgerräte und Bürger beteiligen und eine Digitale Agenda aufstellen. Wir haben es in der Hand und lassen uns nicht überrollen!“

Einen anderen Ansatz verfolgt der Stiftungsgründer Baumeister. Selbst die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) versage seiner Ansicht nach bei der Bändigung der IT-Unternehmen - es sei Google und Facebook schlicht egal, weil die Verordnung eben nicht konsequent angewandt werde „Was passiert denn, wenn ein konventionelles Produkt beim Zoll der EU ankommt und kein CE-Prüfzeichen hat? Es wird nicht in den Verkauf gelassen. Warum geschieht das nicht mit Unternehmen, die sich nicht an Datenschutz-Regeln halten?“. Aus diesem Grund unterstützt Baumeister mit seiner Stiftung mehrere Klagen gegen die Tech-Giganten.

Daten sind eine tickende Zeitbombe

Führt das unkontrollierte Datensammeln auch zu einer politischen Manipulation? Darüber wurde ausführlich diskutiert. Wenn, dann seien es die politisch Unentschlossen, sagte der Wissenschaftler Montag, der auch in China ein Labor unterhält. Während er noch keine wissenschaftlich belegbaren Anhaltspunkte dafür sieht und darauf verweist, dass sich für eine erfolgreiche Manipulation, etwa mit Fakenews, die Nutzer ausschließlich auf einer steuerbaren Plattform wie Facebook informieren müssten, bekräftigte Baumeister, dass genau dies bereits der Fall sei: „Die Macht ist viel größer, als es hier idealistisch eingeschätzt wird. Die Gruppe der unter 30-Jährigen informiert sich zu über 50% nur über Facebook.“ Auch die Tatsache, dass „Informationen gezielt und perfide zu Manipulationszwecken eingesetzt werden, unterscheidet die Art der Informationsquelle von klassischen Kanälen wie Radio oder Fernsehen!“.

Claudine Nierth lenkte nochmal den Blick auf die zurückliegende Landtagswahl in Bayern und den Umstand, dass dort die Parteien teils massiv in den Sozialen Medien geworben hätten, jedoch auf noch recht konventionelle Art und Weise. Für Baumeister ist die derzeitige Nutzung der Daten jedoch gar nicht das Hauptproblem, sondern das Sammeln. „Das was wir heute als Daten abgeben, ist die tickende Zeitbombe der Zukunft!“ Die Datenerhebung und Datennutzung seien derzeit entkoppelt. So könne man noch gar nicht wissen, wofür und wie effektiv diese Daten in Zukunft genutzt werden würden.

Zwischen Zweifel und Vertrauen

Zum Ende der Diskussion blieb ein gemischter Blick in die Zukunft. Der Stifter Claus P. Baumeister äußerte große Zweifel, dass eine politische Regulierung, auf nationaler Ebene schon gar nicht, Wirkung zeigen würde.
Patrick Held setzte auf eine gesellschaftliche Entwicklung. Der Staat als Regulierer müsse zwar seiner Rolle mehr gerecht werden, jedoch sei das grundsätzliche Vertrauen der Gesellschaft auch ein gutes Zeichen für eine funktionierende Demokratie.
Claudine Nierth sah die Zivilgesellschaft und das Parlament in der Pflicht. Die Bürger müssten wieder verstärkt „auf die Barrikaden gehen“, das Parlament stärken und direktdemokratische Wahlen einfordern, um aktiv mitzugestalten. Etwa um Störgefühle bei der Datennutzung anzugehen.
Professor Montag stellte die offene Frage, ob es sinnvoll sei, dass jeder immer das Recht auf freie Veröffentlichung hat. Auch in den klassischen Medien seien Redaktionen zwischengeschaltet, doch bei Nutzer von Sozialen Medien gäbe es keine Instanz, die eventuelle Fakenews oder Hatespeech prüfen würden.


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Über die Referent*innen

Claus P. Baumeister
Gründer der C&U Baumeister Stiftung für nachhaltige Technologie und Geschäftsführer der TETRA® Computersysteme GmbH

Claus P. Baumeister ist ein informatisch-technisch-naturwissenschaftlicher Generalist und approbierter Arzt, der sich bereits seit seiner Schulzeit in den 1960ern mit Hard- & Software der Computertechnik auseinandersetzt. Seit fast 30 Jahren wirkt er als Geschäftsführer und Entwicklungsleiter des von ihm mitbegründeten Software-Herstellers TETRA® und sieht Innovation und nachhaltige Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik nicht im Widerspruch zueinander.

Um die Jahrtausendwende begann Baumeister seine ganzheitliche und nachhaltige Sicht auf den Baubereich anzuwenden, indem er vollautomatisierte Plusenergie-Passivhäuser entwickelte. Es folgten zahlreiche Ausarbeitungen, Vorträge und Aktionen zum Thema Energieeffizienz & Klimaschutz, bei dem es aus seiner Sicht weniger um ein Erkenntnis- als um ein Umsetzungsproblem geht. 

Patrick Held
Projektleiter GLS Community der GLS Bank

Patrick Held ist bei der GLS Bank unter anderem für die Entwicklung des sozial-ökologischen digitalen Netzwerks „Futopolis“ zuständig. In der digitalen GLS Bank Futopolis treffen sich Menschen, die nachhaltiges Leben gestalten wollen. Dort können sie gemeinsam zukunftsweisende Projekte umsetzen und ihr Wissen mit der Gemeinschaft der GLS Bank teilen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Datensicherheit. Mehr im Podcast-Interview.

Patrick Held studierte Philosophy & Economics in Bayreuth und schloss mit einem Master in Medienkultur & Medienwirtschaft ab. Er beteiligt sich aktiv in der Politik und plant gerade seinen Lebensmittelpunkt in ein Tiny House zu verlagern.

Prof. Dr. Christian Montag
Prof. Dr. Christian Montag, Heisenberg Professor, Molekulare Psychologie, Institut für Psychologie und Pädagogik, Universität Ulm, Ulm, Deutschland & Visiting/Agreement Professor, University of Electronic Science and Technology of China, Chengdu, China

Prof. Dr. Christian Montag ist Heisenberg-Professor für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm und Gastprofessor an der UESTC in Chengdu, China. Er erforscht die biologischen Grundlagen der menschlichen Persönlichkeit. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit liegt in der gesellschaftsrelevanten Frage, wie digitale Welten den Menschen verändern bzw. wie der Einfluss von Smartphone, Internet und Co. auf unsere Gesellschaft ausfällt. 

Christian Montag hat zahlreiche Forschungsarbeiten in renommierten internationalen Fachmagazinen veröffentlicht und ist Autor vieler Buchkapitel. Er hat für über 100 Fachzeitschriften als Gutachter gearbeitet und ist (Co-)Herausgeber der internationalen Buchserie „Studies in Neuroscience, Psychology and Behavioral Economics“. 

Claudine Nierth
Bundesvorstandssprecherin bei Mehr Demokratie e.V. und Politaktivistin. 

„Politik wird besser, wenn die Menschen beteiligt sind“, sagt die gebürtige Nordfriesin Claudine Nierth. Sie studierte Kunst und hat mehrjährige Erfahrungen als Dozentin (Eurythmie) und auf der Bühne. Mit ihrem Verein „Mehr Demokratie e.V.“ fordert sie bundesweite Volksentscheide sowie Bürgerbeteiligungen. Seit 1998 ist sie Sprecherin des Vereins, der in diesem Jahr 30 Jahre alt geworden ist. Sie war Mitinitiatorin von insgesamt fünf erfolgreichen Volksbegehren. Hauptberuflich ist Claudine Nierth, die 2018 für ihr bürgerschaftliches Engagement das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam, mit ihrem Angebot „Kunst der Begegnung“ tätig. Claudine Nierth ist seit 2015 im Aufsichtsrat der GLS Treuhand.

Stefan Vogt
Journalist und Moderator im WDR-Hörfunk

Stefan Vogt ist vielen Menschen als Moderator der Morgensendung bei WDR 2 bekannt. Von dort wechselte er zum WDR 4. Vogt ist 1974 in Bochum geboren. Nach beruflichen Stationen u. a. beim NDR in Hamburg ist er seit einigen Jahren wieder im Ruhrgebiet zu Hause.